World Fire Congress 2026: Von anderen lernen, um die Schweizer Feuerwehren besser auf die Zukunft vorzubereiten

Vom 7. bis 9. September 2026 waren in London mehr als 60 Nationen am zweiten World Fire Congress (WFC) vertreten, nachdem die erste Ausgabe 2024 in Washington stattgefunden hatte. Führungskräfte von Feuerwehr- und Rettungsorganisationen, Regierungsvertretende, Forschende und Fachpersonen beschäftigten sich gemeinsam mit einer zentralen Frage: Wie können sich die Feuerwehren auf Risiken vorbereiten, die sich rasch verändern und vielfach nicht an Landesgrenzen haltmachen?
Für die FKS ist das internationale Engagement kein Selbstzweck. Ihr Auftrag bleibt auf Themen ausgerichtet, die für das Schweizer Feuerwehrwesen von gemeinsamem Interesse sind. Viele Entwicklungen, auf die sich die Feuerwehren vorbereiten müssen – Klimawandel, neue Technologien, Veränderungen der gebauten Umwelt, Gesundheit der Einsatzkräfte oder die Vorbereitung auf Grossereignisse – betreffen jedoch gleichzeitig zahlreiche Länder.
Die internationale Zusammenarbeit ermöglicht es, Entwicklungen frühzeitig zu erkennen, Erfahrungen und Lösungsansätze aus anderen Ländern zu vergleichen und umgekehrt auch Schweizer Erfahrungen in die internationalen Arbeiten einzubringen. Es geht somit nicht darum, den Auftrag der FKS auszuweiten, sondern die internationale Zusammenarbeit dort zu nutzen, wo sie dazu beiträgt, diesen Auftrag besser zu erfüllen.
Vier Herausforderungen im Zentrum des Kongresses in London
Die Arbeiten des WFC 2026 waren auf vier zentrale Herausforderungen ausgerichtet: Prävention, Schutz und Kulturgüterschutz; Katastrophenvorsorge; Bewältigung neuer und extremer Gefahren; Gesundheit, Wohlbefinden und Regeneration der Einsatzkräfte. Auch künstliche Intelligenz und neue Technologien nahmen im Programm einen wichtigen Platz ein.
Die Diskussionen zur Prävention befassten sich unter anderem mit der Gebäudesicherheit und dem Schutz von Kulturgütern. Dabei wurde deutlich, wie wichtig die Zusammenarbeit zwischen Feuerwehren, Behörden, Betreibern und Fachpersonen bereits vor einem Ereignis ist. Die Schweiz beteiligte sich direkt an dieser Diskussion: David Vocat vom Centre de secours et d’incendie de Crans-Montana gehörte zu den Referenten – neben britischen Vertretern, der Pariser Feuerwehr und Fachpersonen aus dem Bereich Kulturgüterschutz.

Die Vorbereitung auf Katastrophen deckte ein besonders breites Spektrum ab: Vegetationsbrände, Überschwemmungen, extreme Wetterereignisse, Erdbeben, Grossveranstaltungen, das schwedische Modell der Total Defence sowie Einsätze in Situationen hochintensiver Konflikte. Trotz sehr unterschiedlicher Rahmenbedingungen stellt sich dabei dieselbe grundlegende Frage: Wie können Organisationen auf seltene, komplexe oder gleichzeitig auftretende Ereignisse vorbereitet werden, bei denen die eigene Erfahrung naturgemäss begrenzt ist?
Bei den neuen und extremen Gefahren beschäftigten sich die Teilnehmenden mit Batterien und Elektrofahrzeugen, neuen Technologien, künstlicher Intelligenz, Warnsystemen sowie der Anpassung des Mitteleinsatzes an neue Risiken. Ein gemeinsamer Befund zog sich durch die Diskussionen: Einige Risiken entwickeln sich schneller als Einsatzdoktrinen, Ausrüstung und Ausbildung.
Auch die Gesundheit der Einsatzkräfte nahm einen wichtigen Stellenwert ein. Beruflich bedingte Krebserkrankungen, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Verletzungen, psychische Gesundheit, Müdigkeit und Exposition müssen heute über den gesamten Feuerwehrdienst hinweg betrachtet werden – von Ausbildung und Einsatz bis hin zu Regeneration und langfristiger Nachsorge.
Der Kongress gab zudem Menschen eine Stimme, die unmittelbar von Katastrophen wie Aberfan, Hillsborough, dem Anschlag in der Manchester Arena oder dem Brand im Grenfell Tower betroffen waren. Ihre Erfahrungen erinnerten an einen wesentlichen Aspekt: Die Lehren aus einer Katastrophe betreffen nicht nur die Einsatzführung. Sie können ebenso die Vorbereitung, frühere Entscheidungen oder die Organisationskultur betreffen.
Die eigentliche Arbeit findet auch zwischen den Kongressen statt
Der Nutzen des World Fire Congress beschränkt sich jedoch nicht auf die drei Tage in London.
Beim ersten Kongress 2024 in Washington wurden sechs Communities of Practice (CoP) geschaffen, um die Zusammenarbeit zwischen den Kongressen fortzuführen. Während rund 18 Monaten arbeiteten Hunderte von Fachpersonen und Forschenden aus Dutzenden von Ländern an sechs Themenbereichen: Einbezug von Anspruchsgruppen, Gebäudebrände und Einsatz, neue Technologien, Gesundheit und Sicherheit von Feuerwehrangehörigen, Ausbildung sowie Auswirkungen des Klimawandels.
Der in London präsentierte Bericht zeigt nun, was eine solche Zusammenarbeit konkret hervorbringen kann.
Im Bereich Gebäudebrände zeigen die Arbeiten beispielsweise, wie synthetische und Verbundmaterialien sowie Leicht- oder Modulbauweisen das Brandverhalten und die operativen Risiken verändern. Die Empfehlungen sprechen sich deshalb für einen systematischeren internationalen Austausch von Erfahrungen und Erkenntnissen aus.
Die neuen Technologien liefern ein weiteres konkretes Beispiel. Lithium-Ionen-Batterien, Energiespeichersysteme und Elektrofahrzeuge zwingen Feuerwehren bereits heute dazu, ihre Einsatztaktiken anzupassen. Der internationale Vergleich zeigte Unterschiede bei den Verfahren für Brände von Elektrofahrzeugen. Weitere Entwicklungen – autonome Fahrzeuge, künstliche Intelligenz oder neue Materialien – werden zusätzliche Fragestellungen aufwerfen. Der Nutzen der Zusammenarbeit liegt hier darin, auf bereits gemachte Erfahrungen zurückgreifen zu können, anstatt dieselben Analysen in jedem Land separat durchführen zu müssen.
Auch Gesundheit und Sicherheit der Feuerwehrangehörigen sind international weitgehend gemeinsame Herausforderungen: berufsbedingte Krebserkrankungen, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, psychische Gesundheit, Verletzungen, Exposition gegenüber neuen Gefahren oder die besondere Situation von Angehörigen von Miliz- und Berufsfeuerwehren. Die Arbeiten empfehlen, die internationale Forschungszusammenarbeit zu verstärken und Präventionsmassnahmen sowie deren Wirkung besser miteinander zu vergleichen.
Im Bereich Ausbildung geht es ausdrücklich nicht darum, nationale Systeme zu vereinheitlichen. Vielmehr sollen Standards und Methoden verglichen, erfolgreiche Ansätze identifiziert und neue Erkenntnisse und Technologien schneller in die Ausbildung integriert werden.
Schliesslich führt auch der Klimawandel in vielen Ländern zu einer Veränderung des Einsatzspektrums: Vegetationsbrände, Dürren, extreme Hitze, Überschwemmungen, Stürme oder Erdrutsche. Zu den Empfehlungen gehören unter anderem eine stärkere Mehrgefahrenvorsorge, bessere Interoperabilität, kompatible Einsatzmittel sowie mehr grenzüberschreitende Übungen und Ausbildungen.
Was diese Arbeiten der Schweiz bringen können
Diese Ergebnisse sind auch für die Schweiz unmittelbar relevant.
Die „Feuerwehr Konzeption 2030“ hält selbst fest, dass technologische Entwicklungen die Einsätze komplexer machen und zunehmend spezifisches Fachwissen erfordern. Gleichzeitig unterstreicht sie die Notwendigkeit, Entwicklungen und deren Auswirkungen frühzeitig zu erkennen, um vorausschauend handeln zu können.
Die Communities of Practice können zu dieser Früherkennung beitragen: Ein Phänomen, das in der Schweiz erst am Anfang steht, kann in anderen Ländern bereits Gegenstand von Erfahrungen, Forschung oder neuen Einsatzpraktiken sein.
Diese Zusammenarbeit bedeutet selbstverständlich nicht, dass im Ausland entwickelte Lösungen unverändert auf die Schweiz übertragen werden können. Föderalismus, kantonale Zuständigkeiten und die grosse Bedeutung des Milizsystems verleihen dem Schweizer Feuerwehrwesen besondere Rahmenbedingungen. Gerade deshalb ist der Vergleich wertvoll: Er hilft zu erkennen, was sich übertragen lässt und was nicht – und ermöglicht gleichzeitig, Schweizer Erfahrungen in die internationalen Diskussionen einzubringen.
Diese internationale Dimension ist zudem in der „Feuerwehr Konzeption 2030“ verankert. Sie sieht ausdrücklich vor, dass die FKS die Interessen der zuständigen Instanzen gegenüber ausländischen Behörden und Organisationen vertritt.
Die Arbeit geht weiter: sieben Communities of Practice bis 2028
Mit London beginnt nun ein neuer Arbeitszyklus. Bis zum nächsten World Fire Congress, der 2028 in den Vereinigten Arabischen Emiraten stattfinden wird, werden sieben Communities of Practice an folgenden Themen arbeiten:

- Klimabedingte Grossereignisse – Einsatz und Resilienz
- Neue Technologien und künstliche Intelligenz
- Daten: Grundlage für evidenzbasierte Feuerwehren
- Brände in Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen
- Brandbekämpfung: Taktik und Ausbildung
- Gesundheit und Sicherheit von Feuerwehrangehörigen
- Frauen in der Feuerwehr
Mehrere dieser Themen betreffen Fragestellungen, mit denen auch die Schweiz direkt konfrontiert ist.
Die CoP zu klimabedingten Grossereignissen wird sich unter anderem mit kombinierten oder kaskadierenden Ereignissen – beispielsweise Brand, Sturm und Überschwemmung –, grenzüberschreitender Unterstützung, der vorsorglichen Positionierung von Einsatzmitteln, Frühwarnsystemen und Evakuierungsstrategien befassen.
Die CoP zu neuen Technologien und künstlicher Intelligenz wird Drohnen, autonome Systeme, intelligente Ausrüstung und Entscheidungsunterstützungssysteme untersuchen, gleichzeitig aber auch Fragen der Governance, der menschlichen Kontrolle und der wissenschaftlichen Validierung behandeln.
Eine weitere Gruppe wird sich mit Daten, deren Vergleichbarkeit und Interoperabilität beschäftigen. Auch Ausbildung und Einsatztaktik werden gemeinsam weiterentwickelt, insbesondere in Bezug auf Lithium-Ionen-Batterien, Vegetations- und Wildland-Urban-Interface-Brände, industrielle Risiken, Simulationen und neue Ausbildungstechnologien.
Für die FKS kann das Ziel dabei nicht darin bestehen, überall vertreten zu sein. Entscheidend ist vielmehr, jene internationalen Arbeiten zu identifizieren, die einen konkreten Mehrwert für das Schweizer Feuerwehrwesen bieten – weil sie unmittelbar unsere eigenen Herausforderungen betreffen, weil die Schweiz besonderes Know-how einbringen kann oder, im Idealfall, beides.
Eine gezielte Beteiligung ermöglicht den Zugang zu Erkenntnissen bereits während ihrer Entstehung, erlaubt es, internationale Entwicklungen frühzeitig mit der Schweizer Realität abzugleichen, und bietet die Möglichkeit, die Besonderheiten unseres Systems einzubringen.
Internationale Zusammenarbeit ist deshalb keine vom Schweizer Feuerwehrwesen losgelöste Tätigkeit. Gezielt eingesetzt, ist sie ein Instrument, um dessen Weiterentwicklung frühzeitig zu unterstützen und mitzugestalten.
